DIE ALLERGIE - FARM DER TIERE
Auf dem Lande geht's hoch her, das wussten schon die Macher der faden Softpornos in den 70ern. Doch damit hatten sie wahrscheinlich nicht gerechnet. Da kommt eine Gruppe dahergelaufener Musiker in die Pampa und bringt Schwung in die Bude, bis die Schwarte kracht. Die Rede ist von der Allergie, die Band für alle, die sich schon immer mal selbst vor die Fresse hauen wollten. Die fünf Schwaben luden ins bajuwarische Dorfidyll, um im dortigen Tonstudio die neuesten Kreationen des akustischen Horrors vorzustellen. Möglicherweise liegt es an der Abgeschiedenheit des Ortes - je weiter entfernt von der Zivilisation, desto höher die aufzubringende Aggressivität, um das notwendige Basislevel zu erreichen. Nach diesem Motto schienen Recordings der Allergiker abgelaufen zu sein, denn was da aus den Boxen dröhnte war ein doppelter Schlag von links nach rechts durch die Gehörgänge direkt auf das Hirn. Ein regelrechter Schock angesichts der unmittelbar zuvor erlebten Naivität und Gelassenheit der Eingeborenen. Wurde ich doch auf meinem Weg durch die Steppe in Richtung Dorf gleich von der zweiten Großfamilie als Tramper mitgenommen. Stelle sich das mal einer in Kreuzberg vor...
Schon beim Betreten des Studiozwingers wurde klar, nix da von wegen bequem Studioreport, im Anzug Kaviar verinnerlichen und Piper-Heidsieck süffeln. Das Haus war bevölkert von einer Horde dösender Raubtiere, die sich mit Bier zuschütteten und ihrem eigenen Lärm lauschten. Aber nicht schlimm, war mein Anzug doch sowieso noch in der Reinigung, das Bier äußerst lecker und die Musi ziemlich mitreißend.
Die nunmehr dritte Scheibe der Band darf ab Mitte Juni in deinem CD-Player ihre Runden drehen. Virus III ist die konsequente Weiterentwicklung aus den vorhergehenden Werken, einige kennen bestimmt noch Dunkelgraue Lieder Für Das Nächste Jahrtausend oder halben die Jungs auf der letzten Pro-Pain-Tour erleben dürfen.
Die Texte sind etwas eingängiger, die Musik etwas griffiger geworden. Wer Kopfschmerz sucht oder sowieso eher in die Maso-Richtung tendiert, wird aber noch immer seine helle Freude haben. Auch für Situationen des Frusts und der Depressiva scheint mir das Material äußerst geeignet zu sein. Rhythmisches Training der Nackenmuskulatur wird geradezu herausgefordert, demnach lässt sich auch die Sport- und Fitnessgemeinde als eindeutige Zielgruppe identifizieren.
Doch was haben die Verantwortlichen zum verflixten, allesentscheidenden dritten Album zu sagen? Hop oder top, dead or alive, Grammy oder Goldene Himbeere, Ramones oder Roland Kaiser, quasi Messer's Schneide?
"Wir verstehen und vertrauen uns blind untereinander, heute mehr als je zuvor. Jeder weiß, was der andere für die Band tut - nämlich sein Bestes - und das ist das Wichtigste. Die Entwicklung dahin basiert auf einigen Jahren voller Aufeinanderrumhacken, Lügen, Lieben, Streiten, Diskutieren, Zensieren und letztendlich auch immer wieder Feiern. Alle Ups and Downs wurden gemeinsam durchlebt." Darauf begründet sich die Einheit und der Gedanke innerhalb des Bandgefüges, und der ist immerhin alles, würde ich sagen. "Wir kommunizieren tatsächlich noch per Telefon, nicht über einen Rechtsanwalt. Bei uns geht es nicht um ein Produkt. Du weißt genau, dass dein Verlag dir für 50.000 verkaufte Scheiben im nächsten Jahr einen Vorschuss von 80 oder 90.000 DM gibt. Da musst du nicht der beste Freund deines Schlagzeugers sein, wenn die Finanzen stimmen. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren und sind uns absolut sicher, dass dieser Fall bei uns nie eintreten wird. Dafür sind wir einfach zu eng miteinander verschweißt und wenn mal etwas nicht funktioniert, dann lassen wir uns nicht herunterreißen, sondern bauen uns gegenseitig wieder auf."
Dass dieses Package funktioniert steht somit außer Frage, und sollte das Album wider Erwarten nicht laufen, kommt eben das Nächste und hey - wenn ihr das dann nicht kauft bin ich echt sauer und zweifle an dem Drang nach Bösem in dieser Welt.
In einem Jahr treffen wir uns rückblickend an gleicher Stelle zum nächsten Album wieder - da, wo nachts die Türen unverschlossen bleiben.
(der rob)
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